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Blind Side - durch die Augen einer Blinden

Augen seien der Spiegel zur Seele, heißt es. So ein Quatsch, als hätten Blinde keiner Seele.

Daisy ist in diesem Jahr 30J. alt geworden. Dreißig Jahre mit Augenlicht, drei Monate nun in der Dunkelheit. 

Aufgrund einer Krankheit mussten ihr beide Augen entnommen werden. 

 

Den Eindruck, den diese Stute bei mir hinterlassen hat, hätte kein langmähniger, vor Temperament strotzender Spanierhengst bei mir hinterlassen können. Ihre Anmut, ihr Scharfsinn und vor allem ihr tiefes Vertrauen in Partnerpferd Yuron haben mich sprichwörtlich gefesselt. Vergessen war das Zebrapferd, vergessen war die Zeit, in Erinnerung gerufen war das, was im Leben wirklich zählt...

Sätze wie ''Wahre Schönheit kommt von Innen'' oder ''Cape Diem'' kennt doch wirklich jeder. Aber mal ehrlich, wer von euch hat den Tag wirklich schon mal gelebt, als wäre es der Letzte ? Oder ist ohne in den Spiegel zu sehen aus dem Haus gegangen? 

 

Als ich dort auf dem Hang im Gras saß, ist mir bewusst geworden, dass ich all den Seelenbalsam immer vor mir her geschoben habe. Seit Jahren nahm ich mir schon vor, Yoga zu machen. Keine Zeit, hieß die Ausrede mit der ich mich nichtmal selbst überzeugen konnte. Oft habe ich mich in den letzten Jahren dabei ertappt, mich für eine Krankheit zu schämen. Ich war doch schließlich erst vor ein paar Monaten krank. Was sollen denn die Leute denken (Kollegen, Arzt, Krankenkasse und auch Freunde)? 

Ich bin krank zur Arbeit gegangen, um der Missgunst der Kollegen nicht zum Opfer zu fallen.

 

Und wofür? Der Weg des geringsten Wiederstandes ist keineswegs der, die Scheuklappen aufzusetzen. Der Weg des geringsten Widerstandes...wofür es sich zu kämpfen lohnt ?

 

Was denn nun? Kampf oder Resignation? Als ich Daisy und Yuron beobachtete wurde mir klar, dass beides Irrsinn ist. Kämpfe sind vergeudete Kraft, Stillstand ist Rückschritt. 

Wachstum war schon immer schmerzhaft. Sicher ist auch Daisy einige Male gegen den Stromzaun gerannt, als sie ihr Augenlicht verlor. Nun passt Yuron auf sie auf, hält sie vom Zaun fern und schenkt ihr mit seiner Anwesenheit des Bewusstsein, dass alles gut sei. Ist Yuron zu weit entfernt, beginnt Daisy sich im Kreis zu drehen und signalisiert Angst. Der gerade einjährige Hengst galoppiert sofort zu ihr, als gäbe es kein Morgen mehr. So sehen zwei durch einen.

 

Mittlerweile mache ich 2x täglich Yoga, arbeite weniger und nutze die freie Zeit mit meinen Tieren. Das meiste Geld gebe ich für gutes und gesundes Essen oder Reisen aus. Geld kommt und geht, ich komme und ich gehe. Ich bin nun frei und ''reicher'' als jeh zuvor. 

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Kommentare: 1
  • #1

    Hanna (Freitag, 06 Juli 2018 21:40)

    Liebe Lisa,
    der Blockbeitrag berührt. Das ganze Leben ist eine Reise, bei der man erst lernen muss, das Leben zu leben. Rückschläge und Hinfallen gehören dazu, Aufstehen gehört dazu. Von dieser Stute kann man so viel lernen! Ihre Art und wie du sie auf deinen Bildern belebst beeindruckt.