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Zurück in die Zukunft

Achtung Spoiler:

Dieser Artikel wird lang !

 

Eine kleine Vorgeschichte.

Seitdem ich klein bin gehört mein Herz den Tieren. Wie jedes Mädchen habe ich mir natürlich auch immer ein eigenes Pferd gewünscht, und mir diesen Traum dann mit 18Jahren auch selbst erfüllt. Statt einem Auto kaufte ich mir...Pearl.

 

Zugegeben, die Aktion war sehr unüberlegt ( wie so ziemlich alles in meinem Leben). Fünf Tage vor Weihnachten fuhr ich 2013 an die dänische Grenze und kaufte...ein träges, kränkliches und vor allem halbwildes Jungpferd. Unten habe ich euch mal Bilder der damaligen Verkaufsanzeige in denkbar schlechter Qualität in die Galerie gepackt. Er war einer dieser wenigen Momente im Leben, in denen man nicht in Frage stellt. Ich sah die Bilder und wusste: dieses oder keines.

 

Ein absolutes Pilotprojekt. 

Schon damals war es mir allerdings nicht wichtig, eine gehirngewaschene Sportmaschine sondern einen Partner für s Leben zu gewinnen. 

Und was soll ich sagen. Sie kam, ich sah, sie siegte.

 

Pearl begleitet mich mittlerweile seit mehr als 5Jahren. Wir gewinnen zwar keinen Blumentopf zusammen, aber wir mögen uns. Wir verstehen uns und kommen, wenn auch über Umwege, immer zusammen ans Ziel. Sie tut wirklich alles für mich... außer Hänger fahren.

Was problematisch wurde als ich Anfang des Jahres erst nach Braunschweig und dann weitere 150km weit weg zog. Nach einigen Versuchen und leerem-Hänger-Umhergefahre beschloss ich kurzerhand die Strecke von insgesamt 280km mit ihr zu reiten.

Ob sie sowas vorher kannte? Natürlich nicht.

 

Ich stornierte meine Fototour nach Tirol und begann die Route zu planen. Nach drei Wochen und gefühlt 100Telefonaten stand einen Tag vor geplantem Start auch fest: wir haben zumindest täglich einen Schlafplatz!

Am 27.09.2018 startete die Rettungsmission. Wer hier wen retten wird fragte ich mich allerdings schon während der Organisationsphase...


Tag 1

Von Güssefeld aus ging es ins eigentlich 40km entfernte Hanum. Eigentlich, denn schon am ersten Tag mussten wir feststellen, dass Theorie & Praxis auch zu Pferd zwei Paar Schuhe sind. 

 

Der Ritt zog sich dezent in die Länge, machte aber trotz wagemutigen 10,5h auf dem Pferd noch Spaß.

Ein paar Impressionen zeige ich euch unter dem Textausschnitt.

 

An diesem Tag fuhr uns meine Mama noch hinterher bzw brachte Abends etwas Essbares zum Zielstall. Sie machte Fotos und Videos von unserer Ankunft in Hanum - denn bis dato hatten sich bereits 3Zeitschriften angemeldet , die über unsere Aktion schreiben  wollten. 

Etwa zwei Kilometer vor dem Ziel fuhr sie langsam neben uns her und filmte uns auf einem Stoppelfeld mit ihrem Handy als von hinten ein...

...LKW angerast kam und ich meine Eltern sterben sah. ich rannte vor ihn und schrie ohne Kontrolle '''Vorsicht! Passt auf!''

 

Ein Flashback aus dem Jahr 2011.

Damals war ich Beifahrerin und erlebte einen schrecklichen Unfall hautnah mit.

Als ich das Auto kurz vor Hanum ungebremst näher kommen hörte spürte ich die selbe schreckliche Angst in mir wie damals. Ich schrie die selben Worte. Und realisierte erst Minuten später war passiert war. Und was in meinem Inneren noch alles begraben liegt.

Trotzdessen wir 7.00 losgeritten waren kamen wir erst abends 18.00 am Ziel an und hatten 48km auf dem Zähler.


 

Tag 2

Nächstes Ziel: Gifhorn.
Der Wecker klingelte wie jeden Morgen 5.30Uhr und bereits zu Sonnenaufgang saßen wir auf dem Pferd. Wir kamen gut voran, konnten dank Komoot-App (*Werbung) sämtliche Straßen meiden und so die Natur genießen. Mit all ihren wundervollen... Kanälen. So schön es auch war, auf dem Damm des Elbeseitenkanals entlang zu reiten, mussten wir wieder weite Umwege in Kauf nehmen. Auch an diesem Tag waren wir 10h unterwegs. Die größte Freude des Tages: neben dem „Heil angekommen sein“ definitiv die Nachricht, dass wir ein Bett bekommen würden. Geplant war es eigentlich, im Heu zu schlafen, da schon alle Betten belegt waren. Bei derzeitigen 5Grad nachts hatte man aber doch zu großes Mitleid mit uns ;-)

Tag 3

Heute ging es nach Edemissen.
Frühstück gab es auf dem Pferd. Ich schwöre euch: der Blick der Bäckerin war einmalig als wir mit zwei Pferden vorgeritten kamen. Der dritte Tag ohne Internet, und ich merkte langsam, wer hier wen retten sollte. 
Es war, als hätte ich alle Ängste & Sorgen der letzten Wochen & Monate zurück gelassen. Irgendwo in der Zukunft.
Als wäre ich in die Vergangenheit gereist, ohne Internet, ohne SocialMedia, ohne Auto, ohne regelmäßiges Essen im Überfluss, ohne den ganzen selbstgemachten Stress. Das einzige Ziel war es, gesund anzukommen und Essen & möglichst ein Bett zu bekommen. 

Welchen Luxus ich da aufgegeben hatte wurde mir bewusst, als ich freudestrahlend mit einem geliehenen Fahrrad 10km in die nächste Stadt fuhr um etwas Essbares kaufen zu können. Und das nachdem wir bereits 7h auf dem Pferd gesessen hatten. Wenn du anfängst, dich über Dinge zu freuen, die heutzutage durch Gesetze geregelt sind und um die wir uns gar nicht mehr kümmern müssen, dann fängst du an das wahre Leben zu spüren. 


Tag 4

Heute hatte meine leider sehr kranke Oma Geburtstag. Es war mir sehr wichtig, beim Familienessen dabei zu sein. Wir ritten die Strecke bis nach Hohenhameln in Rekordzeit und ich schaffte es mit 1,5h Verspätung noch zum Geburtstag meiner Oma. Ein kurzer Zeitsprung zurück ins normale Leben. Und der Beweis, dass keine Zeit zu haben einfach nur eine Sache von Prioritätensetzung ist. 
Als ich 21.00 zurück im Stall in Hohenhameln war beobachtete ich eine Weile den Sternenhimmel und fiel dann tot ins Bett. 

Wann hast du das letzte mal den Sternenhimmel beobachtet? 


Tag 5

Gestern musste ich während des Rittes das heutige Ziel umplanen. Ein Hof hatte uns abgesagt. Eine freundliche Familie in Springe nahm unsere Pferde auf ihrem Hof auf - wir sollten in einer benachbarten Pension unterkommen. Soweit so gut.

Der ritt verlief soweit problemlos. Bis mir auffiel, dass Pearls Hinterbein leicht geschwollen war. Ich schon es auf einen Stoß oder Tritt, den sie abbekommen haben könnte. Sie lahmte nicht. Dennoch stieg ich an diesem Tag oft ab und ging einen Großteil der Strecke zu Fuß. 

Einen kleinen Zwischenfall gab es allerdings auch heute wieder. Eine Brücke. Eine für Pferde dezent zu kleine Brücke. Ich lief sowohl flussaufwärts als auch flussabwärts um eine Verengung zu finden über die wir springen könnten. Leider vergebens. Zum Glück kostete uns der Umweg nicht allzu viel Zeit. 
Unterwegs trabten wir an einer Joggerin vorbei, die uns ein paar Kilometer begleitete. Es ergab sich ein nettes Gespräch über das Wandern und den Jakobsweg. Schon interessant, wie das Schicksal versucht uns hin und wieder mit kleinen Wegweisern zu lenken. Diesen Weg zu laufen ist seit einiger Zeit auch mein (aufgeschobenes) Ziel. 

Nach drei Regenschauern kamen wir vollkommen durchnässt in Springe an, versorgten die Pferde und sprangen im Dreieck als wir die Badewanne in unserer Pension entdeckten !


Tag 6

Der Tag, der uns das Genick brach...
Heute wartete nicht nur die längste und härteste Strecke auf uns. Sondern auch die beschissenste Wettervorhersage. 
Ich organisierte mir noch schnell einen Müllsack und riss drei Löcher hinein. Nachdem uns der Wettergott einen wunderschönen Sonnenaufgang geschenkt hatte folgte der Weltuntergang. Regen, Sturm, Unwetter. 

Der Sturm war auf freier Fläche so stark, dass Pearl sich aus Reflex während des Laufens versuchte quer zu stellen, um dem Wind zu entgehen. Ein eingespeicherter Instinkt der Pferde um Wind & Regen zu trotzen.

Den ersten von zwei Gebirgszügen überquerten wir ohne große Mühe. Ich stieg oft ab und Pearl lief fleißig. Dennoch machten ihr die Schotterwege, die arg zunahmen umso weiter wir in den Westen ritten, zunehmend Probleme. Auch wenn ich sie durch Büsche oder am Rand entlang laufen ließ, sah man ihr die Schmerzen an, jedes Mal, wenn sie doch einen Stein erwischte. 

Mittlerweile ritten/liefen wir 4,5h im Regen. Unsere Klamotten Wogen gefühlt 10kg schwerer. Unsere Packtaschen waren komplett durchnässt. 
Ich beschloss, heute nicht mehr aufzusteigen.

Der zweite Gebirgszug lag vor uns. Und brachte uns wenig später an unsere körperlichen Grenzen. 
Pearl ging immer deutlicher lahm. Sie hatte Schmerzen und kämpfte sich trotzdem jeden Höhenmeter weiter für mich voran.
Oben angekommen entstand dieses Bild.

Wer kann behaupten jemals mit seinem Pferd über den Wolken gestanden zu haben? 
Der Abstieg führte uns einen Wanderweg für Menschen entlang - Pearls Muskeln versagten beinahe als wir die steilen Wege hinunterkletterten. Zu diesem Zeitpunkt hatte mein Körper bereits auf Überlebensmodus geschaltet, nervlich war ich einem Zusammenbruch nahe. Ich hatte große Angst. Pearl hätte jeden Moment vor Erschöpfung zusammenbrechen und einfach liegen bleiben können. Und uns standen noch 5km bevor.

Ich weiß nicht wie, aber wir erreichten irgendwann den Zielhof. Am selben Abend kam der Tierarzt und beendete den Ritt für uns. Die Diagnose: Sehnenentzündung hinten und Verdacht auf Hufgeschwür vorn.

ENDE
Natürlich nicht. Es war klar, dass Pearl die restliche Strecke nicht laufen konnte. Und ich auch nicht - ich selbst hatte 3Monate nach dem Ritt noch mit einer starken Schleimbeutelentzündung im Knie zu tun. 

Pearl musste verladen werden. Und ich kannte nur eine, die das schaffen konnte. Johanna, 19Jahre Jung und selbstständige Horsemanship-Trainerin. 
Ich hatte sie kurz vor dem Ritt bei einem freien Fotoprojekt kennen und lieben gelernt. Heute sind wir sehr sehr gute Freunde und stehen täglich in Kontakt. 

Was soll ich sagen. Sie hatte es geschafft. Sie hatte Pearl mit viel Geduld, Spucke und Einfühlungsvermögen verladen und in ihr neues zu Hause bringen können. 

März 2018:
Pearl hatte sich nach dem Ritt sehr schnell wieder erholt. Die Entzündung der Sehne klang nach 2-3Wochen ab und das vermeintliche Hufgeschwür war glücklicher Weise „nur“ ein Hämatom durch die Schotterwege. Ihr geht es sichtlich gut und ich bin wieder jeden Tag bei ihr. 

Zusammen haben wir in den letzten 4Monaten mehr erreicht, als in den 5Jahren zuvor insgesamt. 

Auf dem untersten Bild seht ihr Pearl gegen Ende des Rittes. Ihre Muskulatur war gänzlich verschwunden und sie selbst beinah mangelernährt. Das mittlere Bild entstand im Dezember und das oberste Anfang März 2019. 
Ein HappyEnd?
Ich denke, ein Ende ist noch lange nicht in Sicht. Dieser Ritt hat nicht Pearl, sondern vor allem mich gerettet. Es ging mir schlecht, sehr schlecht. Ich hatte schon einige Zeit lang meinen Weg aus den Augen verloren - vergessen was wirklich wichtig ist. Eine große Lehre habe ich aus diesem Abenteuer mitgenommen:

 Schätze das Leben
Nicht nur unser Körper sondern vor allem unser Geist ist ein Wunderwerk der Natur. Wir müllen uns mit alltäglichen Problemen zu und verlieren jegliche Wertschätzung für das, was wirklich wichtig ist. Unsere Familien, unsere Beziehungen, unsere Gesundheit und unsere Wünsche & Träume. Wir sind immer für andere präsent, versuchen Klischess einzuhalten und folgen den immergleichen Verhaltensmustern, weil es die Gesellschaft so verlangt. 
Einfach mal nicht antworten. Einfach mal zur Massage statt zum Sport gehen. Einfach mal guten Gewissens absagen und zu Hause bleiben. Einfach mal Arbeit liegen lassen.

Solang unsere Psyche gesund ist, ist unser Körper zu ALLEM im Stande. 

„... ich nannte es gesunden Egoismus. Heute weiß ich, es ist Selbstliebe.“ 
Charly Chaplin 

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