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Jeder weint für sich allein

Das Ende ist nahe.

Der Wind der Oberkörperbelüftung trocknet eine Träne.

Ich wünschte einen Moment, es wäre echter Wind. Der Wind der Freiheit.

Ich liege im Solarium. Philosophiere mal wieder über das Leben. Als die Belüftung nicht mehr ausreicht

und eine Träne auf die blauen UV-Röhren unter mir tropft beschließe ich: ich muss hier raus.

Raus aus dem Solarium. Raus aus dem FitnessStudio. Raus aus dieser Stadt.

Zurück dort hin, woher ich komme. Zurück dort hin, wohin ich gehöre.

 

Zwei Stunden ist es her, dass ich die Nachricht bekam, vor der ich seit Monaten versuchte zu flüchten.

''Es geht ihr sehr schlecht...''

Ich wusste, das Ende ist nahe.Und ich hatte Angst. Angst, als würde ich um mein eigenes Leben fürchten.

 

Genau genommen ist es dies auch. Es ist ein Teil von mir. Ein Teil meiner eigenen kleinen Welt.

Ein Teil meiner Realität. Ein Teil, der bald weg sein würde. Und nie wieder kommen wird.

Was würdest du tun, wenn du nur noch ein Jahr zu leben hättest?

Wohin würdest du gehen, wenn Geld keine Rolle spielen würde?

Fragen, die sich so real anfühlten wie noch nie zuvor.

Antworten, die ich so klar vor mir sah, wie nie zuvor.

 

Ich verwarf den Gedanken die Weiterbildung zu machen, für die ich mich letzte Woche beworben und gestern

Abend die Zusage erhalten hatte. 


....20.18Uhr klingelte mein Handy...

Meine Mama rief an. Ich wusste warum. Ich traute mich nicht anzunehmen.

Erst nach einer gefühlten Ewigkeit ging ich ran.

 

 

5 Dinge, die Sterbende Bereuen

Nr. 1

''Ich wünschte ich hätte den Mut gehabt, mir selbst treu zu bleiben, statt so zu leben, wie andere es von mir erwarten.''

 

Ich glaube jeder von uns kennt dieses Gefühl.Ich soll funktionieren, ich darf nicht krank sein, ich soll einen guten Job haben

und viel Geld verdienen. Ich soll keine Zeit verschwenden und meine Freizeit mit sinnvollen Tätigkeiten fülle. Aber ist das wirklich

MIR wichtig oder wem eigentlich?

 

Nr. 2

''Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet.''

 

Die meisten meiner Arbeitstage füllen meine Zeit, aber erfüllen mich emotional nicht. Sie machen mich nicht froh und glücklich,

auf der Erde zu sein. Freunde tun das. Meine Tiere tun das. Die wundervolle Natur tut das.

Und wenn wir mal alt und grau sind, dann sind es nicht unsere Kollegen die uns besuchen und uns pflegen,

sondern Freunde und Familie.

 

Nr. 3 

''Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.''

 

Wie oft war ich schon verliebt und wie viele Männer wissen davon nichts. Wie oft habe ich mich über jemanden geärgert

und derjenige weiß nicht, was er in mir ausgelöst hat. Und wie oft war ich schon dankbar für eine Schulter zum Ausweinen

( oder eine Freundin, die einfach nur den Wein mitbringt ) und habe es nicht zum Ausdruck gebracht.

Heute kann ich das ändern - und das tue ich mittlerweile auch.

 

Nr. 4

''Ich wünschte, ich hätte den Kontakt zu meinen Freunden gehalten.''

 

Wir ziehen quer durch die Republik oder darüber hinaus. Wir haben Schulfreunde, Studienfreunde, und in jedem Job und

bei jedem Hobby eigene Freunde. Und wir haben SO VIEL zu tun. Einkaufen, putzen, abwaschen, zum Sport gehen, uns bei der Arbeit verausgaben, die Kinder wegbringen, Weihnachtsdeko aufstellen und wieder abbauen, Reifen aufstecken und und und...

Wann soll da Zeit für Freunde sein?

 

Nr. 5 

''Ich wünschte, ich hätte mir mehr Freude gegönnt.''

 

So streng, wie wir zu uns selbst sind, sind wir zu niemand anderem. Wir haben gelernt ''erst die Arbeit, dann das Vergnügen''.

Und wenn die Arbeit nie wirklich endet? Gibt es dann kein Vergnügen? Wenn wir am Ende der Arbeitswoche ausgespuckt werden

und Freizeit haben - wie schauen wir dann auf die vergangenen 5 Tage zurück? Gab es Anlässe, sich von Herzen über etwas zu freuen?

 


5 Erkenntnisse daraus

1.

Lebe dein ganz eigenes Leben und nicht das von jemand anderem.

 

2.

Arbeite nur so viel, dass du davon leben kannst. Und den Rest der Zeit genieße dein Leben.

 

3.

Wenn du jemanden magst - sag ihm das.

Jetzt und heute, nicht morgen. Und wenn Menschen dich verletzt haben - sag ihnen das.

 

4.

Kümmere dich um die Menschen, die dir gut tun. ''Später'' ist irgendwann zu spät. Der Abwasch kann warten.

 

5.

Lebe um zu lachen, nicht um zu leiden.

Die Opferrolle ist beliebt, vor allem bei uns Deutschen. Aber es ist deine Entscheidung.

Angst oder Liebe.

 

Der Morgen danach.

Schon seltsam, ich sitze im Badezimmer auf der Toilette und höre eine Uhr ticken. Noch nie zuvor ist mir dieses Geräusch hier

aufgefallen. Ich suche die Uhr, die dieses Geräusch hervorbringt, doch finde sie nicht.

 

Meine Stimmung ist... ungefähr so.

Ich nehme mir raus, niemandem oder nur sporadisch zu antworten. 

Ich nehme mir raus, keine Smileys zu verwenden da es ohnehin keinen gibt, der meine Stimmung ausdrücken könnte.

Wahre Trauer hat kein Gesicht.

Ich nehme mir raus, keine Entscheidungen treffen zu müssen.

 

Ich stehe in der Küche und entdecke direkt neben mir eine Uhr. Die einzige Uhr im Haus.

Und ich muss mich anstrengen ihr Ticken zu hören. Verrückt oder? Zu was wir im Stande sind,

wenn wir unser Innerstes nach außen kehren lassen.

In stillem Gedenken  *30.01.2019*13.00*

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Kommentare: 1
  • #1

    Lena Weckes (Donnerstag, 31 Januar 2019 11:52)

    Hallo Lisa. Erstmal mein herzliches Beileid. Ich weiß wie du dich fühlst, auch wenn das grade vielleicht schwer zu verstehen ist. Für mich ist meine Welt zusammen gebrochen, als meine Mama am 27.12 ganz plötzlich verstarb. Grade sitze ich auf der Arbeit und sehe gar keinen Sinn mehr darin..
    ich würde dir gerne tröstende Worte schicken, aber leider weiß ich auch, dass da grade nichts hilft..
    Ich denk an dich. Liebe Grüße und viel Kraft an dich!
    Lena