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Die Frau im Laden


Ich wäre nicht ich, wenn ich nicht regelmäßig geplante Ereignisse und Ankündigungen verwerfen oder umstrukturieren würde.
Für mich ist es mittlerweile okay, sprunghaft zu sein und den Mut zu haben, Schritte zurück oder in eine andere Richtung zu gehen, als es von mir erwartet wird. Ich hoffe für dich auch.

Es fühlt sich genau in diesem Moment einfach noch nicht stimmig an, über die heimlichen Begleiter und deren Wirkung zu sprechen. Vielmehr möchte ich heute von einem Erlebnis berichten, welches meine Sicht auf einen unfassbar wichtigen Bereich des Lebens schlagartig verändert hat. 



Im Mai 2019 reiste ich mit meiner Freundin nach Kreta. Für mich irgendwie ein Gefühl des „Zurück kommens“ obwohl ich noch nie auf dieser Insel war. Mein Uropa, der mich seit frühester Kindheit aufgezogen hatte, war in seiner Jugend in Kriegsgefangenschaft auf Kreta. Er liebte diese Insel und schwor sich, sobald er aus der Gefangenschaft zurück sei, mit meiner Uroma einmal im Leben dorthin zurückzukehren.

Leider hat er es bis zu seinem Tod nie geschafft. Auch wenn ich selbst keine Verbindung zu diesem Ort hatte, fühlte es sich ein wenig wie eine Mission an, hierher zu kommen. 

Und da alles im Leben zur richtigen Zeit kommt und entweder Bereicherung, Lehre oder Wegweiser ist, war ich absolut gespannt auf das, was mich in dieser Woche erwarten würde.



Wen die Eindrücke der Insel interessieren, der kann gern einmal auf meinem Instagramprofil ( lisa_seibel_fotografie ) vorbei schauen. Ich habe unsere schönsten Momente dortimHighlight„Crete“fotografisch sowie filmisch festgehalten und gespeichert. 

Nun aber zum eigentlichen Thema:
Die Frau im Laden

Am vorletzten Tag unserer Kretareise betraten wir nach dem Frühstück einen kleinen Laden. Den Laden, an dem wir bereits 100x vorbeigelaufen waren, weil er mitten auf der Hotelanlage lag.
Eigentlich wollten wir nur kurz stöbern. In den letzten Tagen waren uns bereits des Öfteren die schönen Kleider und Taschen aufgefallen. 

Der Laden gehörte einer älteren Frau. Ich fühlte mich sofort wohl in ihrem Geschäft.  Kein aufdringliches Feeling, wie es sonst in jedem Klamottenladen üblich ist. Sie war Deutsch-Griechin und eröffnete nach kurzer Zeit das Gespräch. Zunächst ging es um Hüte & Pullover. Die Sympathie war da - auf ihrer wie auch auf unserer Seite. Es dauerte nicht lang, bis die Themen privater wurden. 

Es interessierte mich, wer diese Frau war. Woher sie kam und was sie uns zu lehren hatte. 

Geboren war sie in Deutschland, aufgewachsen in Athen und später lebte sie in der Nähe von München, bis sie schlussendlich ihr Glück auf Kreta fand. Wir kamen vom einen ins nächste Thema. Sie berichtete vom multikulturellen Umschwung in Europa. Als Verkäuferin auf einer Hotelanlage hatte sie beinah täglich mit allen Nationalitäten zu tun. Sie sprach von einer Vermischung der Wertesysteme und den Schwierigkeiten , die damit zusammenhängen. Nächstenliebe und Hemmungslosigkeit. Frieden und Krieg. Reichtum und Armut. Dem Bild der Frau. 

Aus einem eigentlich daher gesagtem Satz kamen wir dann zur Pointe des Gespräches. Meine Freundin sagte „Ich weiß gar nicht, ob ich in diese Welt überhaupt noch ein Kind setzen möchte. Ich weiß, wie viel Mühe sich meine Eltern gegeben haben und wie sehr sie gelitten haben, als ich von meinem Weg abkam oder sie sahen, wie schwer es mir fällt, mich in der Welt zurecht zu finden.“

Ein Thema, welches auch mich seit einiger Zeit beschäftigte. Ich war mir so sicher, niemals Kinder haben zu wollen. Nicht unbedingt die Angst vor eigenen Fehlern war Grund dafür, eher die Gesellschaft, die es heutzutage schier unmöglich macht „anständige Kinder“ großzuziehen. Auf der anderen Seite stehen die Zweifel, Verantwortung für ein Geschöpf zu übernehmen, die man ab und an im eigenen Leben schon selbst abgeben wollen würde.

Die Frau konterte. Wir verstummten.
„Die Prozess des Abnabelns ist nicht eurer Problem oder eure Last, sondern die eurer Eltern. Sie haben das Korn gesäht, doch wie es sprießen wird, kann niemand sagen oder beeinflussen. Unsere Kinder sind unsere einzige Chance unsere eigenen Werte und Normen weiterzutragen und somit einen Teil der Welt nach unserem Sein zu formen. Einen Fußabdruck zu hinterlassen.
Ein Kind im eigenen Körper zu tragen ist das schönste, was das Leben einer Frau bereithält.“

Sie sprach so emotional, dass ich spürte wie nah ich einer Träne war. Auch sie verstummte und musste sich eine Träne wegwischen. 
Schon lang hatte ich kein so enotionales Gespräch mehr mit einem wildfremden Menschen. Ein Moment, der berührte. So sehr, dass ich ihm einen Blogartikel widmen wollte.

Wir verließen den Laden und ich begann sofort zu reflektieren, warum uns das Schicksal diese Frau geschickt hat. 
Auf unseren Wegen begegnen uns ab und an Menschen, die nur kurz einmal vorbei schauen. Die eine Art kleinen Richtungsweiser in der Hand halten um uns in unserem Tun & Denken zu bestätigen oder uns eben darauf hinzuweisen, dass wir drohen gegen einen Baum zu laufen. 



Der Tag der Abreise. Boarding. Wir hatten unsere Sitzplätze bereits eingenommen als direkt vor uns ein kleines Baby auf dem Schoß seiner Mutter zu uns rübersah. Normalerweise wäre mir maximal ein„ja, ist schon ganz süß, irgendwie.“ in den Kopf gekommen. Dieses Mal war es irgendwie anders. Als plötzlich der Vater des Babys den schmalen Gang auf uns zu kam und sich das Baby vor Freudeüberhaupt nicht mehr eingekriegt hat, fing die Lehre der Frau im Laden erst so richtig an zu wirken. 

Bedingungslose Liebe. Wenn nicht hier, wo sonst.
Fazit:

Viele Menschen wollen ein Kind, um etwa zu bekommen. Dabei geht es vor allem um‘s Geben. Wenn man sich bereits um sich selbst gekümmert hat, kam man sich um andere kümmern. 

Wenn du nicht weißt, wer du bist, läufst du immer vor etwas weg anstatt auf etwas zu. 
Ich für meinen Teil weiß nun, dass ich sicher irgendwann ein Kind haben werde. Dass ich meine Chance, meine Werte weiterzutragen nicht verpassen möchte und vor allem nicht, das Gefühl einem kleinen Wesen bedingungslos verfallen zu sein. 

Mir liegt dieser Artikel besonders deswegen am Herzen, weil ich in den letzten 1-2Jahren immer mehr Menschen (Frauen) kennengelernt habe, die der gleichen Ansicht waren und sind, wie ich sie vor dieser Begegnung war. 

Und wenn auch nur eine(r) sich diesen Artikel durchliest und sich ein Stückweit angesprochen fühlt, beginnt nachzudenken... habe ich mein Ziel bereits erreicht. 

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